Bildschirmleser und Punktschriftzeilen

Wer nicht sehen kann, muss hören...
Die Aufgabe von Bildschirmlesern ist es, den Text auf einem Bildschirm in gesprochene Sprache zu wandeln. Hierbei wird Sprachsynthese eingesetzt, die wie bei Blindenvorlesegeräten den Text in gut verständliche Sprache umwandelt. Für viele blinde Menschen ist allerdings Geschwindigkeit ein Kriterium, weshalb die meisten Anwender, die vor Allem von klein auf mit der Technik vertraut sind, die eher unverständlichen, synthetischen Stimmen bevorzugen. Diese sind schneller und reagieren unmittelbar auf eine Eingabe, Diphonsynthese mit hoher Klangqualität benötigen eine geringe Latenz, verzögern also. Wichtig bei der Umwandlung ist, dass der Bildschirminhalt so strukturiert wird, dass der blinde Anwender einen möglichst authentischen Überblick über den Bildschirm bekommt. Dies ist auch abhängig von der jeweiligen Anwendung, viele sind leider auch nicht bedienbar, da sich ihre grafische Struktur nur schwer in Sprache umwandeln lässt. Oftmals auch deshalb, da Schaltflächen und Elemente nicht ordentlich beschriftet sind und sie somit vom Bildschirmleser nicht ausgewertet werden können.

Darstellung in Blindenschrift
Bereits in den 80er Jahren gab es Möglichkeiten, den Bildschirm eines Computers in Blindenschrift umzuwandeln. Damals hatte ein Bildschirm die Auflösung von 40 bis 80 Zeichen pro Zeile und 25 Zeilen pro Bildschirm. Dies war ein fester Wert, weshalb Punktschriftzeilen über 40 oder 80 Zellen verfügen. Das Punktmuster besteht aus 6 bis 8 Punkten, wobei mit 6 Punkten maximal 64 und mit 8 Punkten maximal 256 Zeichen dargestellt werden können. Dies war damals praktisch, da die Zeichentabelle eines Computer eh nur 256 Zeichen umfasst hat, so dass jedem Zeichen ein Punktschriftzeichen zugeordnet werden konnte. Die Punkte einer Zelle werden auch heute noch elektronisch auf und ab bewegt, so dass jede beliebige Form dargestellt werden konnte. Aufgrund der damals fixen Textdarstellung war so ein autarges Übernehmen des Bildschirminhalts möglich. Die Braillezeilen waren direkt mit dem Grafikprozessor verbunden, so dass selbst der Start eines Computers in Punktschrift nachvollzogen werden konnte. Heute gibt es Braillezeilen mit bis zu 80 Zellen und sind bei vielen sehr beliebt. Da die Darstellung heute nicht mehr an die Zeilenbreite zu messen ist, erfolgt die Darstellung beispielsweise auch in Blindenkurzschrift.

Grafische Benutzeroberflächen
Seit Anfang der 90er Jahre wurden grafische Betriebssysteme immer beliebter, allerdings zunächst weniger bei blinden anwendern. Eigentlich ist es erst seit Ende der 90er Jahre wirklich möglich, grafische Benutzeroberflächen intuitiv darzustellen. Es wurde viel experimentiert und versucht, da der Bildschirm nun nicht mehr in feste Zeichen, sondern flexible Bildpunkte eingeteilt war. Die Bildschirmleser mussten nun intelligent werden und mussten erkennen, welche Objekte wie dargestellt werden können. Ein Vorteil ist, dass grafische Betriebssysteme über fest definierte Steuerelemente verfügen (Textfelder, Schalter, Kontrollkästchen, Auswahlschalter, Fensterklassifizierungen etc.) Die Bildschirmleser müssen auch heute noch diese Elemente erkennen und dem blinden Anwender mitteilen. Wenn dieser das Element kennt und weiß, wie er es bedienen kann, ist die Handhabung sogar einfacher, als früher. Auch die Hersteller heutiger Betriebssysteme erleichtern es Bildschirmleseprogrammen, die Informationen zu erfassen, die zur Darstellung benötigt werden, weshalb das Surfen im Internet, Mailen und Chatten, Musik hören und Erstellen von Tabellen heute kein Problem mehr darstellt.

Open Source oder kostenintensiv?
Inzwischen gibt es interessante Projekte, die kostenlos Bildschirmleseprogramme bereitstellen, manche Firmen implementieren diese sogar direkt ins Betriebssystem. Die Frage, welches das richtige Produkt ist, hängt ab vom Nutzungsverhalten. Teure Bildschirmleseprogramme verfügen über ausgefeilte Erkennungsmethoden, manche sogar über eine Texterkennung, die das Fenster vorlesen kann, wenn herkömmliche Erkennungsmethoden versagen. Dies bieten Open Source Lösungen nicht, sie beschränken sich lediglich auf die Ausgabeschnittstellen der Betriebssysteme. Dafür kommen sie mit allen Standardanwendungen zurecht und greifen nicht tief in das System ein. Dies bedeutet, dass alle Bildschirmleseprogramme die Grundaufgaben Internet, Email und Office nahezu gleichermaßen beherrschen. Kostenpflichtige Programme bieten bei bestimmten Anwendungen den Vorteil ihrer zusätzlichen Erkennungsmethoden, wenn die Open Source Lösungen an ihre Grenzen stoßen. Wer im privaten Umfeld einen Bildschirmleser für die Grundaufgaben benötigt, wird in fast allen Fällen mit einem kostenlosen Bildschirmleser, wie NVDA, sicher zufrieden sein.