Touch Screen Bedienung

Der Trend ist klar: Aktuelle und künftige Geräte ohne Touch Screen sind für viele nur schwer vorstellbar. Vielleicht ist die nächste Generation schon nicht mehr dazu in der Lage, über eine Zifferntastatur einen Text einzugeben. Viele Kunden und Interessierte fragen uns daher, ob und wie die Bedienung von Geräten ohne Tasten funktioniert. Spätestens seit dem iPhone, frühestens aber mit Mobile Speak Pocket von Code Factory im Jahre 2005, konnten sich Anwender selbst davon überzeugen, dass der Touch Screen eine Alternative zu Tasten sein kann. Klar ist: Es geht nichts über eine herkömmliche Tastatur. Statische Anordnung von Ziffern oder Buchstaben bleiben unangefochten. Geräte mit Touch Screens bieten aber einige Vorteile, wie schlankere Bauweise und - zumindest für Sehende - intuitive Bedienung von Anwendungen.

Problematisch ist viel eher, dass neueste Smartphone-Generationen auf eigentlich wichtige Bedienelemente verzichten. Dies sind z.B. D-Pads (Pfeiltasten) oder Trackballs bzw. Touchpads (bei Android), sowie auf die Anruf- und Auflegetasten. Diese Funktionen müssen nach Möglichkeit über Gesten auf dem Touch Screen ausgeführt werden, systembedingt lassen sich bei Android die Pfeiltasten nicht auf dem Bildschirm simulieren, dies führt zu einer Erschwerung der Bedienung.

Grundsätzlich gibt es zwei Philosophien, wie der Touch Screen genutzt werden kann:

  1. Der blinde Anwender kann, wie bei einem Punktschriftblatt zum Beispiel, alle Informationen auf dem Bildschirm ertasten. Hierbei verändert sich der Bildschirm abhängig von der Darstellung und es besteht die Gefahr, dass kleine Elemente "überfühlt" werden können. Der Vorteil hierbei ist, dass die Anzeige für den "Fühlenden" genauso aussieht, wie für den Sehenden. Für Menschen, die über eine gute Motorik und Kombinatorik verfügen, kann dies eine intuitive Bedienmöglichkeit für Anwendungen sein. Praxisnahe ist dies solange, bis es um strukturierte Darstellung von Internetseiten oder anderen Dokumenten geht, bei dem es sinnvoller ist, diese von Oben nach Unten in einer bestimmten Struktur zu erfassen. Das iPhone arbeitet nach diesem Prinzip, wie auch der Übersichts-Cursor von Mobile Speak oder Mobile Accessibility. Bei Textbearbeitung oder Surfen im Web zeigt sich diese Darstellungsform als etwas holprig, die Gefahr, Elemente zu "überfühlen", ist relativ groß. Das iPhone und auch Mobile Accessibility sind daher parallel mit Pfeilgesten nutzbar, um die Elemente systematisch abzufahren. Bei jeder Anwendung ist der Bildschirm (mit einigen grundsätzlichen Ausnahmen) stets anders aufgeteilt. Sind Elemente nicht beschriftet, ist zwar die Position auffindbar, aber nicht der Inhalt. Positiv ist, dass das Arbeiten zwischen Blinden und Sehenden auf diese Weise gut funktioniert, da "oben links" stets "oben links" bedeutet, egal ob gesehen oder erfühlt. Unterstützt ein Sehender einen Blinden beim Erfassen einer Anwendung und der blinde Anwender lernt die Position der unbeschrifteten Elemente auswendig, können mitunter auch diese genutzt werden.
  2. Der Touch Screen wird vollständig entkoppelt. Dies bedeutet, dass der blinde Anwender eine "unsichtbare Tastatur" bedient, welche der sehende Nutzer nicht sieht. Mobile Speak arbeitet (abgesehen vom Übersichts-Cursor) nach diesem Prinzip. Diese virtuelle Belegung führt oft dazu, dass sehende Anwender sich nach der Mobile Speak Installation schwer tun, ein Handy ohne Tasten zu bedienen. Nur im Stiftmodus, in welchem der Touch Screen ganz normal funktioniert (jedoch von blinden Nutzern nicht verwendbar ist), verhält sich das Handy wie gewohnt. Diese Belegungen sind sehr vielfältig. Im Tastenfeldmodus wird über den Bildschirm eine "unsichtbare Wähltastatur" gelegt. Er ist somit in 12 Kacheln unterteilt, ähnlich wie eine Tafel Schokolade. Der blinde Nutzer tippt so auf den Bildschirm, wie er es bei einer gewöhnlichen Wähltastatur tun würde. Joystickbewegungen, Softtasten, Eingabe- und Löschtaste werden durch Streichgesten ausgeführt. Wenn man sich an diesen Modus gewöhnt hat und etwa 12 Gesten lernt, kann man das Touch Screen Handy so bedienen, als hätte es eine gewöhnliche Handytastatur. Weitere Modi, wie der Joystick-Modus (Unterteilung in neun Felder) und Quadrantmodus (für Nutzer voriger Mobile Speak Versionen) erhöhen die Flexibilität. Es ist daher nicht erforderlich, alle Gesten und Belegungen zu kennen, um das Handy perfekt und zielsicher bedienen zu können. Der Vorteil dieser Variante ist, dass eine strukturierte Darstellung der Inhalte des Smartphones möglich ist, so wie man es von herkömmlichen Handys oder dem Computer her kennt. Vor Allem im Internet oder bei der Arbeit mit Dokumenten kann man wie gewohnt navigieren oder Text eingeben und ist nicht darauf angewiesen sich zu merken, wo sich ein Element auf dem Bildschirm befindet.

Was ist nun das Richtige? - Die zweite Variante finden wir zur Nutzung als "reines Handy" deutlich besser, da hier die Telefonie im Vordergrund steht. Mehr Entertainment und "Spielfaktor" bietet Variante 1, da viel mehr Anwendungen (sogenannte Apps) genutzt werden können. Allerdings berichten Kunden, dass sie diese Interaktion häufig als zu komplex empfinden, sofern man einfach nur telefonieren oder Texte schreiben möchte. Variante 1 lässt sich nicht einhändig bedienen, besonders unterwegs kann es zu Schwierigkeiten kommen.

Touch Screen Technologien
Auch wenn alle Touch Screens berührbar sind, gibt es zwei wesentliche Unterschiede zwischen den Technologien. Die ältere "resistive" Variante arbeitet mit einem Netz aus Leiterbahnen und ermittelt anhand eines Gitternetzes, auf welchen Punkt der Finger tippt. Hierbei muss etwas Druck ausgeübt werden und es sind keine Mehrfinger-Gesten möglich. Vorteil dieser Technik ist, dass nicht bei jeder kleinsten Berührung des Displays eine Aktion ausgelöst wird. Allerdings wird diese Technik bei Geräten mit "Multi-Touch" nicht verwendet. "Kapazitive" Touch Screens messen die Oberflächenspannung und sind hierdurch in der Lage, komplexe Berührungen, auch Druckstärke, zu erkennen. Einige Anwendungen sollen sogar Sperren per Fingerabdruck ermöglichen. Diese Variante hat lediglich den Nachteil, das kleinste Berührungen zu Funktionsauslösern führen, sie ist aber wartungsärmer, als resistive Touch Screens.